Merseburg, den 23. Mai 2019

In Gedenken an Delfin Guerra und Raúl Garcia Paret

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
2019 ist das Jahr des 30. Jubiläums des Mauerfalls und des sich damit abzeichnenden Endes der DDR. Dieses Jahr wird in zahlreichen Veranstaltungen, wie z.B. im Landesarchiv Sachsen-Anhalts in Merseburg, den Verhältnissen während des SED-Regimes, der sog. „Friedlichen Revolution“ und des Wegs zur deutsch-deutschen Wiedervereinigung gedacht. Dieses Ereignis ist von besonderer Bedeutung für unsere Gesellschaft und unzählige (Familien-)Biographien. Es ist Markstein einer Geschichte, für die wir auch künftig Verantwortung übernehmen und Aufarbeitung leisten müssen. Im Gedenken daran kommt diese besondere Verantwortung zum Ausdruck.


Ein Teil dieser Geschichte, der in diesen Veranstaltungen jedoch kaum Beachtung findet, sind die Leistungen und Erfahrungen ehemaliger Vertragsarbeiterinnen. Sie waren Teil der Gesellschaft und standen vor besonderen Herausforderungen, auch in Merseburg. Deshalb gilt es, im Jahr des Wendejubiläums einem besonderen Datum in der Geschichte der Stadt zu gedenken: Dem Todestag der beiden kubanischen Vertragsarbeiter Delfin Guerra und Raúl Garcia Paret, der sich am 12. August 2019 zum 40. Mal jährt. Die genauen Todesumstände sind bis heute nicht geklärt: Wir wissen immer noch nicht, wer ihre Verfolgerinnen waren und mit welcher Motivation sie zu Tode getrieben oder ermordet wurden. Die umfangreichen Recherchen der MDR-Journalisten Christian Bergmann und Tom Fugmann sowie die Ausarbeitungen des Historikers Harry Waibel, die sich auf MfS-Akten stützen, lassen jedoch auf eine rassistisch motivierte Tat und juristisch ggf. Mord schließen.


Aus diesem Grund möchten wir 2019, am 40. Todestag, als „Initiative 12. August“ einen öffentlichen Gedenkort für Delfin Guerra und Raúl Garcia Paret errichten. Denn diese beiden Männer stehen beispielhaft für das Schicksal vieler Vertragsarbeiterinnen, die in der DDR einem diskriminierenden Unrechtssystem, das nur auf Arbeitsleistung aber nicht auf die Menschen selbst blickte, ausgesetzt waren und sie nicht vor alltäglichem Rassismus in der Gesellschaft schützte. Wir möchten diesen Gedenkort in Zusammenarbeit mit einem Kuratorium aus ehemaligen Vertragsarbeiterinnen, Zeitzeuginnen, Historikerinnen, Künstlerinnen und zivilgesellschaftlichen Akteurinnen Merseburgs konzipieren und verwirklichen. Voraussichtlich soll dies in Form einer Metallplakette am Tatort, der Neumarktbrücke, geschehen. Sie soll ein Symbol des Erinnerns und Gedenkens an Raúl Garcia Paret und Delfin Guerra sein, um die Ereignisse dieses Tags nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.
In der Stadt Merseburg wurden in den vergangenen Jahren bereits andere Gedenkorte errichtet, die an das Unrecht, das Menschen aufgrund von Ungleichwertigkeitsvorstellungen widerfahren ist, erinnern, wie bspw. Stolpersteine und die Stele für die ermordeten Sinti und Roma. Sie sollen uns vergegenwärtigen, dass auch an alltäglichen Orten menschenverachtende Verbrechen begangen wurden und uns auffordern, für ein friedliches Miteinander einzustehen.


Wir als „Initiative 12. August“ hoffen, dass der Gedenkort die Erinnerung an das Geschehene wach halten und eine öffentliche Thematisierung zur Folge haben wird, um somit eine Wiederaufnahme des Ermittlungsverfahrens anzustoßen und alle offenen Fragen des Tathergangs zu klären, denn noch sind viele Zeuginnen und die Täterinnen am Leben.


Wir bitten mit diesem Offenen Brief um Ihre Zustimmung und Unterstützung, diesen Gedenkort an der Neumarktbrücke zu errichten.
Niemand wird vergessen! Nunca les olvidaremos!
Initiative 12. August – In Gedenken an Delfin Guerra und Raúl Garcia Paret

Anfragen und Unterzeichnungen bitte an:
initiative12august@gmail.com

Die Initiative 12. August ist ein Zusammenschluss von Einzelpersonen aus Merseburg und Umgebung