• Die juristische Aufarbeitung der Morde/Todesfälle in Merseburg am 12. August 1979 und aller weiteren rassistischen Morde in der DDR
  • Eine Entschädigung der Familien der Opfer
  • Eine Entschädigung der ehemaligen Vertragsarbeiter*innen in der DDR
  • Das Einrichten von Gedenkorten
  • Das Schweigen zu durchbrechen, das Benennen von Rassismus und  damit einhergehende Verantwortungsübernahme der deutschen Gesellschaft

Warum ist erinnerungspolitische Arbeit wichtig? Warum sind Gedenkorte wichtig?

Gedenkorte erinnern an das Erinnern. Sie erinnern an eine historische Verantwortung. Sie erinnern daran, dass Orte nicht für alle Menschen die gleiche Bedeutung haben.

Von wem wird Geschichte erzählt? Wer ist Teil der Geschichte? Über wen und von wem gibt es Geschichten? Erinnerungspolitische Arbeit versucht eine Weiterschreibung von historisch gewachsenen Machtverhältnissen zu verhindern.

Wenn Geschichte erzählt wird, dann meist nicht aus Perspektive der Menschen, die diskriminiert, ausgeschlossen oder getötet wurden. Dies möchten wir verändern.

Erinnern bedeutet Gedenken, aber auch zu verhindern, dass sich rassistische, antisemitische Strukturen weiterziehen und Ereignisse sich wiederholen. Rassistische Kontinuitäten zogen sich sowohl durch die DDR als auch die heutige BRD und bilden die Grundlage für die gegenwärtige gesellschaftliche Situation. Ein historisches Verständnis und Analysen von vergangenen Ereignissen können uns helfen die Gegenwart zu verstehen und unseren Blick dafür zu schärfen, vor welchen Problemen und Gefahren wir heute stehen.

So gibt es einen gesellschaftlichen Fokus auf „die Mauer“, die Westdeutschland von Ostdeutschland trennte. Die unsichtbare Mauer, welche Vertragsarbeiter*innen systematisch aus der DDR-Gesellschaft ausschloss, bleibt dabei meist ungesehen. Daher wollen wir unseren Fokus auf Menschen richten, die meist eine marginale bis keine Rolle in der öffentlichen Geschichtsschreibung einnehmen.

Orte, an denen erinnert wird, sollen dabei helfen, ihre Stimmen und Geschichten für alle sichtbar zu machen.

Warum in Merseburg?

In Merseburg wurden am 12.08.1979 Delfin Guerra und Paul Garcia Paret getötet. Kaum jemand weiß ihren Namen, kaum jemand kennt die Umstände ihres tragischen Todes.

Auch heute finden in Merseburg rassistische Übergriffe statt. Es liegt in der Verantwortung der Stadt Merseburg diese Zustände anzuerkennen, aufzuarbeiten und zu verhindern. Betroffene dürfen nicht allein gelassen. Weder in Merseburg, noch woanders!

Die „Initiative 12. August“ fordert eine Aufarbeitung dessen, was am 12. August 1979 in Merseburg geschah, während Dutzende Menschen zusahen. Wir fordern ein kollektives Erinnern an die beiden Menschen, die an dem Tag starben. Und die Unterstützung ihrer Familien, die noch immer im Unklaren sind, was mit ihren Angehörigen passierte.

Gleichzeitig möchten wir über die Situation von Vertragsarbeiter*innen in der DDR informieren, deren Alltag von Rassismus und Ausgrenzung geprägt war und zeigen, dass unsere Gesellschaft damals wie heute ein Problem hat, was bereits zu vielen Menschen das Leben kostete: Rassismus!

Juristische Aufarbeitung der Morde in Merseburg

Wir fordern eine Wiederaufnahme des Verfahrens zur Klärung der Vorfälle am 12. August 1979 in Merseburg. Wir unterstützen den Ruf der Familien von Delfin Guerra und Paul Garcia Paret nach umfassender Aufklärung der Taten. Jahrelang hat man den Angehörigen der beiden nicht die Wahrheit über die Todesursachen gesagt. Erst durch Journalist*innen erfuhren die Familien über die Todesfälle.

Dies ist zu skandalisieren! Wir fordern eine angemessene Entschuldigung sowie eine Entschädigung der Angehörigen und die von ihnen gewünschte Wiederaufnahme der Verfahren. Wir fordern die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen und die Betroffenen nicht allein zu lassen!

Anerkennung der historischen Verantwortung

Schuldig sind die Menschen, die morden und hetzen. Verantwortlich sind aber auch diejenigen, die Rassismus fördern, tolerieren oder ignorieren. Darum fordern wir die Stadt Merseburg auf, sich für eine umfassende Aufklärung einzusetzen.

Wir fordern außerdem eine umfassende Aufklärung ALLER rassistische Morde und Gewalttaten in der DDR und ihr Anerkennung als Solche. Nur so kann die historische Realität abgebildet werden und wir können daraus Schlüsse ziehen und lernen. Bisher gibt es kaum Forschung zu Rassismus in der DDR. Es existiert eine hohe Dunkelziffer an rassistischen Übergriffen und Morden zwischen 1945 und 1990 in Ostdeutschland. Oftmals wurden Betriebsunfälle oder Ähnliches vorgeschobenen. Wir fordern mehr Förderung für Forschung, um für eine allumfassende Aufarbeitung zu sorgen und sich nicht durch Schweigen aus der Verantwortung zu winden!

Damit einher geht eine Anerkennung der unmenschlichen Behandlung von Vertragsarbeiter*innen in der DDR. Dazu gehört die Ausbeutung ihrer  Arbeitskraft, das bewusste Ausnutzen von postkolonialen Machtverhältnissen, sowie die staatlich provozierte Ausgrenzung. Sei es in abgeschotteten Wohnungen, als auch durch strenge Regeln, die z.B. romantische Beziehungen zwischen Vertragsarbeiter*innen und DDR-Bürger*innen untersagte, etc..

Des weiteren fordern wir eine angemessene Entschädigung der ehemaligen Vertragsarbeiter*innen, von denen die meisten im Zuge der Wiedervereinigung das Land verlassen mussten. Ein Teil des Lohns wurde einbehalten, um es als sogenannte Transferleistungen nach Ende des Vertrages auszuzahlen. Aufgrund von vorgeschobenen Zuständigkeitsproblemen warten immer noch viele  Menschen auf diesen Lohn. So demonstrieren heute noch ehemalige DDR-Vertragsarbeiter*innen in Mosambik für die Auszahlung ihrer Löhne.

Schweigen durchbrechen

Bereits zwei Tage nach den Ereignissen am 11. und 12. August 1979 wurden die laufenden Ermittlungen durch die Volkspolizei gegen fünf tatverdächtige Personen durch das MfS (Ministerium für Staatssicherheit) eingestellt. Seitdem wird über die Gewalt, aufgrund derer etliche Menschen verletzt wurden und zwei Menschen ums Leben kamen, geschwiegen. Mord verjährt nicht! Wir fordern ein Ende des Schweigens, dies beinhaltet die Wiederaufnahme der Verfahren sowie das Benennen des Rassismus in der DDR und heute! In Merseburg und Überall!

Gedenken an die Ermordeten – Kontinuitäten bis heute

„Tatsächlich bauen die ost-deutschen Rassisten heute auf das auf, was sich bis 1990 dort entwickelt hat und sie agieren heute mit dem was unter den gültigen Bedingungen personell und strukturell möglich ist. Durch die Vereinigung des ost-deutschen mit dem west-deutschen Rassismus, entstand in Deutschland ein alltäglicher Rassismus, der sich qualitativ und quantitativ und damit wesentlich vom vorausgegangenen Rassismus unterscheidet. Dieser Prozess ließ die Rassisten seit 1990 zu einer gesellschaftlich, relevanten Kraft werden.“[1] so der Historiker und Soziologe Harry Waibel.

Neueste Wahlergebnisse haben dies wieder einmal verdeutlicht.

Wir fordern Bildung statt Rassismus! Um endlich einmal etwas anders zu machen, aus der Geschichte zu lernen und anzuerkennen, dass Rassismus nicht einfach verschwindet, wenn man ihn ignoriert, sondern immer weiter wächst und Menschen das Leben kostet!

So erklären wir uns auch solidarisch mit aktuellen antirassistischen Kämpfen in Merseburg und überall, wo Menschen ausgegrenzt werden und Gewalt erleben! In Zeiten einer erstarkenden Rechten fordern wir auf ein klares Zeichen dagegen zu setzen. Am 12. August in Merseburg und jeden Tag!

Nunca olvidaremos! Gegen das Schweigen! Gegen das Vergessen!

Für eine offene Gesellschaft!


[1] Waibel, Harry:Kritik des Rassimus in der DDR, Berlin 2008 [ entnommen: 01.06.2019; http://www.harrywaibel.de/anlagen_archiv/Kritik%20des%20Rassismus%20in%20der%20DDR.pdf]